Das Philosofernweh ist ein Geisteszustand, den ich selbst oft erlebt habe. Das Wort beschreibt eine Tendenz des Geistes dem Körper zu entfliehen – vielleicht aus einer Sehnsucht nach einer anderen Daseinsform heraus. Bei mir selbst äußerte sich das in einer starken Empfindlichkeit gegenüber Schmerzen und einer Neigung dazu in meiner Kindheit scheinbar grundlos Schocks zu erleben und ohnmächtig zu werden, dann in einer Computerspielsucht, und schließlich der Tendenz sich in die absrakten Geisteswelten von Philosophie und Sozialtheorie, Spiritualität und endloser psychologischer Selbstanalyse zu versenken. Alle diese Erfahrungen haben eine gemeinsame Bewegung. Es ist eine Bewegung der Lebensaktivität vom Körper hinauf in den Kopf, von Bewegung und Aktivität des Körpers hinein in den Geist und die analysierende Passivität. Die Sensibilität zu und zuweilen der Schrecken vor dem eigenen Körper-Erleben machen es dabei leicht eine Haltung der starken Rücksichtnahme einzunehmen. Diese Rücksichtnahme wird in der extremen Ausprägung eine moralische Überkorrektheit, die einen durch die Angst davor jemand anderem durch das eigene Handeln zu schaden, vielleicht auch einfach etwas nach moralischen Standards falsch zu machen oder selbst verletzt zu werden in eine Position der gedankenverlorenen Handlungsunfähigkeit manövriert. Insbesondere weil man die Folgen der eigenen Handlungen nicht abschätzen kann. Im Kern ist es die Angst davor, selbst durch unintendiertes Handeln Schaden in die Welt zu bringen und Schmerz in sich selbst oder bei anderen zu verursachen. Kurz gesagt: Es ist ein emotionaler Zustand in dem latent die Frage „warum das alles?“ von innen durch den Gehörgang wandert.

In dieser Position befand ich mich und befinde ich mich in Teilen immer noch. Was also tun? Mir selbst hat die Philosophie und die Reflektion, die Achtsamkeit sowie die Spiritualität dabei geholfen zum einen, einen Weg zu finden aus dem Philosofernweh heraus zu finden und zum anderen dieses als Teil meiner selbst zu akzeptieren, dabei aber die Frage nach dem Warum von einer destruktiven in eine produktive zu verwandeln.

In diesem Blog will ich zum einen meine Erfahrungen schildern und zum anderen einige Instrumente darstellen, die ich auf dem Weg gefunden oder auch selbst entwickelt habe um anderen, die sich selbst in einer ähnliche Lage des Selbstempfindens befinden, dabei zu helfen andere Wege zu gehen, Inspiration zu finden oder auch einfach achtsamer sich selbst gegenüber zu werden.

Meine Herangehensweise an die Erfahrung in dieser Welt ist eine, die sich nicht einer bestimmten Methode oder Perspektive, Religion oder Weltanschauung verpflichtet. So wie ich die Welt erlebe, kann mir jeglicher Bereich der Erfahrung dienstbar sein, sofern ich diesem gegenüber achtsam bin und die Beobachtungen zu nutzen weiß. Es kann ein Theaterstück sein, ein Computerspiel, eine Drogenerfahrung, ein Traum, eine soziale Interaktion, eine Meditationserfahrung, ein Gebet, eine Erinnerung, ein Buch, eine Beobachtung und alles was euch sonst noch dazu einfällt. Alles was erlebt wird und ein Feedback auf Emotionsebene hat, etwas bei einem triggert, kann Relevanz dazu besitzen sich ein Stück näher zu sich selbst zu bringen.

Aber Achtung, der letzte Abschnitt ist, wenn man ihn zu ernst nimmt eine Einladung dazu genau wieder in das Philosofernweh zu verfallen, sich selbst in Überanalyse zu stürzen und mit einem pathologischen Selbstbild zu enden. Um dies zu vermeiden ist es wichtig achtsam seinen Erfahrungen gegenüber zu bleiben, die Erlebnisse, die man macht wahrzunehmen, aber zugleich diese nicht überzubewerten. Das Philosofernweh taucht oft auf, wenn wir eine Situation erlebt haben, die uns überfordert hat oder es tauchte während dem Erleben derselben ein Gefühl auf, dass wir nicht empfinden wollten, gegen das wir uns innerlich wehren wollten. Schauen wir uns also im nächsten Abschnitt ein Szenario an und eine unproduktive Art des Umgangs mit einer solchen Situation sowie eine produktive Art des Umgangs.

Nehmen wir als Beispiel eine Situation, in der ich mich – das ist ja für jeden etwas anders – bedroht oder angegriffen fühle, sei es, dass ich beklaut werde, in der Nähe einer Schlägerei stehe oder gar nur eine laute Person im Hintergrund spricht. Es kann schlicht gesagt jegliche Situation sein, mit der ich mich unwohl fühle.

Ein unproduktiver Umgang mit der Situation ist, aus der Erfahrung mit dem Schrecken herauszugehen und dann selbige mit einem Glaubenssatz wie: ¨Immer passiert mir soetwas¨ oder ¨Gefahren lauern überall auf mich und ich kann mich nicht davor schützen¨ zu belegen. Diese gedankliche Bewegung tut in der Mechanik des Geistes folgendes: sie bekräftigt den Glaubenssatz mit dem Gewicht der emotionalen Reaktion auf die erlebte Situation. Der Schrecken vor dem Erlebten oder die Angst das Erlebte erneut durchmachen zu müssen gibt dem Glaubenssatz mehr Kraft und kann dadurch die Angst vor dem Wiedererleben desselbigen mehr und mehr in den Vordergrund rücken. Durch ähnliche Situationen, in denen das Gefühl auftaucht und wir vor dem Durchleben der Situation fliehen, verstärkt sich der Glaube an den Satz und damit die Unfreiheit in der eigenen Lebensführung. Je mehr dieser Sätze Macht im eigenen Geist bekommen, desto pathologischer wird die eigene Weltsicht. Man beginnt damit, dem Glauben an die Sätze nach, sein Leben so zu gestalten, dass man bestimmte Situationen/Gefühle nicht mehr erleben darf und verbiegt sich und seine eigene Welt durch eine Vermeidungsstrategie in eine Opferposition in der nicht mehr man selbst, sondern die geglaubten Sätze und die Vermeidung bestimmter Situationen die eigene Welterfahrung steuern.

Ein produktiver Umgang mit einer solchen Situation ist, sich zu sagen: ok ich fühle dieses Gefühl bei dieser Situation, ich nehme das Gefühl an und lasse es danach los. Die Situation ist vorbei, das Leben geht weiter. Wenn ich abends Zeit habe und mir bei der Situation auffiel, dass ich ein solches Gefühl nicht das erste Mal erlebt habe, dann kann ich mich hinsetzen, die Augen schließen und mich zurück in die Situation versetzen, erneut in das Gefühl hineinspüren und mir die Frage stellen: „woher kenne ich dieses Gefühl?“ und abwarten was dabei hochkommt, dabei die Gefühle, wie stark sie auch sein mögen, zulassen und nicht bewerten. Dies ist ein Weg um an einem psychologischen Muster zu arbeiten bzw. dieses aufzulösen.

Man hat letztlich selbst die Wahl welchen der beiden oder welchen dritten oder vierten Weg man einschlägt. Der wichtigste Schritt ist hierbei sich gewahr zu werden, dass man tatsächlich die Wahl hat aus dem Kreislauf der Wiederholung, dem Eintreten des Philosofernwehs oder der analysierenden Passivität auszubrechen.

Ich will in meinen Texten keine Glaubenssätze, Ideologien oder einzig wahre Methoden verbreiten. Mein Wunsch ist, dass der Leser beim Lesen folgende Haltung hat: eine kritische Offenheit gegenüber dem was er liest. Damit meine ich, dass er offen genug ist anzunehmen was steht, auszuprobieren und seine eigene Erfahrung damit zu machen, um im Anschluss daran kritisch genug zu sein, die Methode zu verwerfen wenn sie ihm nicht dient. Meine Texte wollen Anregung bieten und damit eine Anregung unter vielen sein auf dem Weg den ein jeder geht sich selbst in dieser Welt zu erfahren und dabei möglichst viel Neues und möglichst wenig Wiederholung in sein Leben hineinzutragen. Ich wünsche uns allen viel Erfolg dabei!


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