Während Ludwig Wittgenstein außerhalb der Weiten der Philosophie kaum bekannt ist, kann man mit ruhigem Gewissen sagen, dass er innerhalb der Philosophie einiges bewegt hat. Zu Lebenszeiten veröffentlichte er lediglich ein Buch, dass zum Katalysator für die Schule des logischen Positivismus wurde. Sein zweites Buch, dass erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde, half dabei das Antlitz der angloamerikanischen Philosophie zu formen und führte dazu, dass die Philosophie der Sprache einen derartigen Auftrieb gewann.

Wittgenstein war eine eigenwillige Persönlichkeit. Er zog freiwillig in den ersten Weltkrieg ein um auf einem Kriegsschiff auszuhelfen, arbeitete dort sein erstes Buch aus, gab später sein millionenschweres Erbe an seine Geschwister ab, beschloss die Philosophie aufzugeben und in einem Bergdorf in Österreich Kinder zu unterrichten, verließ diese Schule nachdem er einem kränklichen Jungen eine Kopfnuss gab, übernahm dann die Planung und Architektur des Palais Wittgenstein in Wien für seine Schwester und kam schließlich wieder zurück in die Welt der Philosophie um sein Erstwerk komplett zu verwerfen und zu wiederlegen.
Zurück in der Philosophie arbeitete er an einer Praxis des Philosophierens, die heute  Philosophische Therapie genannt wird. So wie Wittgenstein die damalige Philosophie empfand, erschuf diese durch ihre Art Probleme mit Theorien zu lösen immer wieder neue Probleme und würde auf diese Weise endlos an selbigen arbeiten. Es musste folglich eine neue Methode her, welche die Philosophie aus diesem Kreislauf befreien konnte.

Wenn man sich den Paragraphen 133 der Philosophischen Untersuchungen genauer ansieht, stellt man fest, dass Wittgensteins eigentliche Entdeckung bei der neuen Methode die war, die ihn dazu befähigte mit dem Philosophieren aufzuhören wann er es wollte. Diese Aussage lädt zum Nachdenken ein. Denn sie besagt ja, dass er zuvor aus irgendeinem Grunde nicht dazu fähig war mit dem Philosophieren aufzuhören, wann er es wollte. Als ob sein Verstand philosophieren würde, ob er es selbst wollte oder nicht. Man kann es in jedem Fall so deuten, dass er nicht nur leidenschaftlich philosophierte, sondern dass er offenbar die Kontrolle darüber verloren hatte und auch darunter litt. Die Aussagen seiner Zeitgenossen bekräftigen dieses Urteil sehr. Heute würde man sagen Wittgenstein war ein zwanghafter Denker. Er litt unter dem Zwang ständig Lösungen für philosophische Probleme finden zu müssen, also entwickelte er die philosophische Therapie um frei von philosophischen Problemen und damit auch frei von den lästigen Gedanken zu werden.

 Als Wittgenstein in den 1930ern wieder zurück zur Philosophie kam, realisierte er, dass er die Art und Weise, wie er die philosophischen Probleme in seinem Erstwerk angegangen war, ändern musste. Er machte damit einen wichtigen reflexiven Schritt, nämlich den, dass er realisierte, dass es nicht darum geht was man macht, sondern wie man es macht und daran arbeitet seine Art und Weise zu ändern.
Wenn man mit diesem Reflektionsgrad jedoch noch einen Schritt weiter geht, bemerkt man dass Wittgensteins Idee das Denken damit zu beenden, dass man eine neue Methode des Denkens veranschlagt, darin fehlgehen muss ihn letztlich vom zwanghaften Denken zu befreien, weil es sich dabei ja nach wie vor um eine Art zu Denken handelt. Denn wenn man vom zwanghaften Denken oder Denken an sich wegkommen will, dann sollte man wohl einfach mit dem Denken aufhören und sich keine neuen Methoden dazu überlegen. Aber wie lässt sich das anstellen? Oder wie kann man auch nur das Zwanghafte des Denkens loslassen?

Wenn man von seinen Gedanken verfolgt wird, ist es der erste wichtige Schritt – wie es dass in der Beziehung zu einem Bully ist – wieder die Oberhand über die Situation zu bekommen. Wenn man nun denkt, dass die beste Strategie dabei wäre selbst der Tyrann zu werden und seinen Gedanken strickt und streng zu befehlen aufzuhören, dann werden diese früher oder später zweimal so heftig zurückkommen. Und das liegt nicht an der Natur der Gedanken sondern daran, dass du dir mit dieser Strategie den härtesten Gegner ausgewählt hast, nämlich dich selbst. Stell dir vor, du bist mit dem Urteil lebenslänglich mit einem Zellennachbarn eingesperrt und dieser schreit dich an und versucht dich zur Ruhe zu bringen und dir Befehle zu erteilen – wie würdest du darauf reagieren? In diesem Fall wärst du deine Gedanken und dein Zellennachbar dein Bewusstsein.

Tatsächlich gibt bereits einen Haufen Strategien wie man mit zwanghaftem Denken umgehen kann. Eine recht alte Meditationstechnik schlägt vor sich einfach auf ein Mantra, ein Objekt oder einen Gott zu konzentrieren. Meiner Ansicht nach kann die Strategie sich auf einen Gott zu fokussieren sinnvoll sein, wenn man einer Religion angehört oder den Pfad des Bhakti Yoga geht. Wenn man allerdings nicht spirituell unterwegs ist und man sich einfach auf ein Mantra oder Objekt fokussiert dann werden in dieser Tätigkeit die Gedanken früher oder später merken, dass man mit was anderem beschäftigt ist und einen in Ruhe lassen.

Des weiteren gibt es die buddhistische Strategie, die darin besteht der Gedanken gewahr zu werden, aber nicht mit ihnen zu interagieren. Wenn man in der Meditation sitzt und ein Gedanke kommt, dann sagt man sich einfach: „Aha, ein Gedanke, ich denke offenbar gerade“, man nimmt wahr, dass der Gedanke da ist und auch dass er wieder verschwinden wird. Sobald man jedoch darauf reagiert, versteht der Gedanke, dass er bekommt was er will – deine Aufmerksamkeit – und er wird versuchen mit Vorschlägen und Assoziationen auf deine Reaktion zu reagieren.

Stell dir vor du bist die Königin in einem alten Königreich und du kommunizierst mit dem König auf der anderen Seite des Königreiches über einen Boten. Und des Boten Aufgabe besteht darin nicht nur eine Nachricht zu überbringen, sondern zugleich auch deine Reaktion zu übermitteln. Schauen wir uns folgenden Botenbericht nach einem Besuch am Hof der Königin an: „Ach die Königin hat nicht direkt auf Ihren Vorschlag geantwortet, aber sie hat auf den Boden geblickt, ihre Stirn in Falten gelegt, mich mit einem angesäuerten Blick angesehen und mir mit dem Zeigefinger die Tür bedeutet“. Selbst wenn man dem König so gesehen keine Nachricht zurückgeschickt hat, so wird der König doch von seinem Boten erfahren wie die Königin auf seine Nachricht reagiert hat. Ebenso verhält es sich mit den Gedanken. Auch bei dem kleinsten emotionalen Feedback, das man ihnen gibt, gibt man ihnen das Futter auf das sie wieder reagieren können. Ein häufiger Fehler bei Meditationsneulingen ist es wütend auf seine Gedanken oder auch auf sich selbst zu werden, wenn trotz Meditation die Gedanken kommen. Diese Strategie funktioniert langfristig eher nicht.

Eine weitere Art und Weise mit zwanghaftem Denken umzugehen, ist es einfach die Perspektive auf die Gedanken zu ändern. Wenn man diese als Ärgernisse und als nervig betrachtet, dann werden sie vermutlich auch nervig und anstrengend bleiben. Wie würdest du dich fühlen, wenn dein Gegenüber ständig deine guten Ideen ablehnt, deine Vorschläge und Anstrengungen ihm zu helfen verwirft? Ziemlich sicher würdest du dich damit nicht gut fühlen. Der Trick mit diesem Ansatz ist es deinen Gedanken Wertschätzung entgegen zu bringen und zu sehen, dass jeder Gedanke dir eigentlich bei etwas helfen will, dich beschützen will, dich an etwas erinnern will oder dir eine neue Einsicht bescheren möchte. Mit dem Perspektivwechsel hörst du auf deine Gedanken als Befehle und Richtlinien zu verstehen und beginnst damit diese als Vorschläge zu betrachten und so kannst du letztlich entscheiden wie du mit ihnen umgehst. Die Gedanken zum Aufhören zu bringen wäre auf unser Königinnenbeispiel angewendet, dass man dem Boten des Königs sagt: Danke für Ihren Weg an meinen Hof. Ich habe jetzt allerdings keine Zeit mich um Ihr Anliegen zu kümmern, gehen sie sich doch bis morgen Vormittag ausruhen, essen Sie etwas und morgen früh um 10:00 Uhr nehme ich mir Zeit für Sie.
Wie es in den Wald ruft so ruft es hinaus. Wenn man seine Gedanken wie Nörgler betrachtet, werden sie einem auch auf die Nerven gehen. Der Kern in diesem Ansatz ist, dass man der Human-Relations-Manager seiner Gedanken wird und mehr Harmonie und Wertschätzung in das Innenleben seines Kopfes trägt.

Wenn man jedoch bemerkt, dass die Gedanken trotz aller Strategien immer wieder kommen, kann man versuchen die subtilen Gefühlen zu beobachten, welche diese wiederkommenden Gedanken begleiten. Der nächste Schritt ist es dann diese Gefühle anzunehmen und ihnen zuzuhören. Man kann damit anfangen diese bestimmten Gefühle dann auch als ein Wesen zu begreifen und damit anfangen – so unangenehm diese auch sein mögen – mit Respekt und Wertschätzung zu behandeln und damit anfangen ihnen zuzuhören – ganz nach dem Motto: don´t shoot the messenger. Man kann ein Gefühl ansprechen, fragen warum es gekommen ist, oder was es einem zu sagen hat. Fang eine Unterhaltung mit ihnen an, behandle sie mit Respekt, verdiene ihr Vertrauen und sie werden dir sagen weshalb sie immer wieder kommen.

Wittgenstein selbst hatte ein sehr schwere Kindheit. Sein Vater war ein hausgemachter Millionär mit einer starken Persönlichkeit. Er erzog seine Kinder sehr streng und zwang die Ältesten dazu den Schulunterricht privat zu nehmen und ließ sie  lediglich in den Fächern Mathematik und Latein unterrichten. Er ließ diese Erziehungsstrategie fallen, nachdem zwei von Ludwigs Brüdern Selbstmord begangen hatten.

Ludwig selbst hatte einen herrischen Charakter und mein Eindruck nach langer Beschäftigung mit ihm ist, dass seine ethischen Vorstellungen ihm viel von seinem Leben abverlangt haben und dass er das Regime seines Vaters während seiner Kindheit in seinem Kopf zur eigenen Erwachsenenzeit wiederaufleben lassen hat. Diese frühen Kindheitsjahre haben ja bekanntlich einen immensen Einfluss darauf, wie das spätere Gefühlsleben in einem Menschen aussieht. Und es kann eine effektive Strategie sein, der Härte des Geistes mit einem liebenswürdigen Bewusstsein zu begegnen.

Je mehr man achtsam seinen Gedanken und Gefühlen gegenüber wird, umso mehr versteht man, dass die Gedanken meist auf einer emotionalen Wellenlänge reiten und dass bestimmte emotionale Zustände zusammen mit bestimmten Gedanken auftauchen. So wie es beim Philosofernweh ist. Ein bestimmter Lebenszustand bringt ein Gefühl und damit zugleich die Frage „Warum?“ zutage. Fragen wir also im nächsten Schritt nicht mehr den Gedanken, sondern das Gefühl, warum es gekommen ist.


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