Spiritualität, ebenso wie Philosophie, ist ein Bereich der sich mit dem Abstrakten, dem Metaphysischen, dem guten Leben, was nach dieser Existenz mit uns passiert und noch mit vielem weiteren befasst. Jedoch birgt das Eintauchen in die Spiritualität weitaus mehr Risiken von geistigem Missbrauch durch selbsternannte Gurus, durch Heiler mit angeblich magischen Kräften und ebenso ein hohes finanzielles Risiko, wenn man sich darauf einlässt große Summen für angeblich lebensnotwendige Gadgets auszugeben. Für den Außenstehenden mag diese Ansammlung von Menschen mit alternativen Heilmethoden, komischen Klamotten, einer etwas obskur anmutenden Sprache und ausschweifenden Gesten seltsam anmuten, doch da Spiritualität nicht nur Risiken sondern auch große Chancen offenbart, dachte ich mir es könnte hilfreich sein, wenn ich einen kleinen Text darüber verfasse was einen erwartet und worauf man achten kann um sich nicht in Verwirrung zu geraten.

Anders als bei der Philosophie zieht es Menschen für gewöhnlich nicht aus reinem Interesse in die Spiritualität. Oft sind es Menschen, die mit sich selbst, mit ihrer Vergangenheit, ihrem Körper, ihren Mitmenschen oder auch ihren Gedanken im Konflikt stehen. Es sind Menschen mit Problemen die sie selbst nicht lösen können und die oft von den klassischen Ansätzen von Psychotherapie und Schulmedizin enttäuscht sind. Diese Menschen sind oft verzweifelt und verzweifelte Menschen sind oft bereit dazu zweifelhafte Maßnahmen zu ergreifen um aus ihrem Leiden einen Ausweg zu finden, was wiederum leicht ausgenutzt werden kann. Also wenn ihr selbst Interesse an Spirituellem habt, euch aber unsicher seit ob ihr das Abenteuer wagen wollt, hier ein paar Hinweise und Tipps, die euch helfen können.

1. Worauf kann man achten, wenn man zu einem Heiler geht…
Wenn man zum ersten mal zu einem Heiler geht, gibt es ein paar Sachen, die man im Hinterkopf behalten sollte. Das wichtigste ist es wohl, dem Menschen vor der eigentlichen Sitzung zunächst einmal persönlich zu begegnen, sich zu unterhalten und ein Gefühl für diesen Menschen zu bekommen. Sollte das aus irgendwelchen Gründen nicht möglich sein, und du fühlst dich aufgrund irgendetwas in dieser Sitzung unwohl, denk daran, dass du jederzeit auch wieder gehen kannst. Kein guter Heiler wird dir damit drohen was alles passieren könnte wenn du einfach wieder gehst. Wenn du allerdings ein gutes Gefühl zu diesem Menschen hast, ist es wichtig neugierig und offen in die Sitzung zu gehen und dann allerdings etwas Nachsorge zu betreiben und zu prüfen ob man mit dem woran man arbeiten wollte tatsächlich weitergekommen ist. Hat die Heilung mir dabei geholfen weiterzukommen? Hat es sich überhaupt danach angefühlt, dass etwas bearbeitet oder geheilt wurde? Wie fühlst du dich im Allgemeinen nach der Sitzung? Sei offen, aber methodisch und kritisch bei der Betrachtung der Ergebnisse und erwäge danach ob du ein weiteres mal hingehst.

2. Die Untiefen der Verantwortung
In spirituellen Kreisen passiert alles aus einem guten Grund. Du wirst bestimmte Menschen aus einem bestimmten Grund treffen und diese Menschen werden dir sagen, dass sie dich aus einem bestimmten Grund heraus getroffen haben. Wittgenstein würde dazu wohl sagen, dass hier ein Sprachspiel gespielt wird und wenn man sich lange genug in diesen Kreisen aufhält wird man sich gewahr wie gut man seinen Verstand darauf trainiert hat, einem mitzuteilen warum die Dinge um dich herum genau zu deinem besten Nutzen geschehen. Aber diese Art in die Welt zu schauen hat auch seine Schattenseiten, denn man ist damit komplett verantwortlich für alles was einem zustößt. Wenn dich ein Bus überfährt, dann hast du ihn magnetisch angezogen, wenn du mit einem Messer attackiert wirst, ist das Karma und wenn du mit einer Rabenmutter oder einem Rabenvater gesegnet bist, dann war das genau das, was du für deine späteren Lebensphasen lernen musstest. Während diese Art die Welt zu sehen tatsächlich produktiv sein kann und zwar darin, dass man zum Beispiel keinen Hass und Anschuldigungen erzeugt und die harten Schläge des Schicksals leichter annehmen kann sobald die Schmerzen losgelassen sind, hat sie auch seine Schattenseiten, nämlich das sogenannte Opfer-Shaming. Wenn es dir also beschissen geht, deine Situation gerade aussichtslos ist oder dir etwas schreckliches zugestoßen ist… genau, dann ist es alles deine Schuld. Und wenn einem das jemand nach einer Reihe unglücklicher Ereignisse ins Gesicht sagt, kann das der Tropfen sein, der das Fass zum überlaufen bringt. Zudem kann diese Sichtweise auch Heiler mit der Entschuldigung ausrüsten, dass der Patient selbst schuld oder noch nicht soweit war, die Heilung in sein Leben zu lassen. Es geht mir hier nicht darum diese Haltung zu verdammen, sondern eher darum zu zeigen, dass es einen produktiven Nutzen haben kann, wenn man dieses Werkzeug sinnvoll einzusetzen weiß und nicht überstrapaziert.

3. Zeichen…
Du musst nur immer den Zeichen folgen und dann wirst du schon deinen Weg finden. Dieses Thema erinnert mich typischerweise an eine Szene aus Pulp Fiction, nämlich die, in der John Travolta und Samuel L. Jackson nur knapp 6 Pistolenschüssen aus nächster Nähe entgehen. Samuel Jackson nimmt das als Zeichen und ändert daraufhin sein Leben, John Travolta interpretiert das Ereignis als reinen statistischen Zufall und wird wenige Szenen später von einem seiner Aufträge erschossen (dies mag allerdings auch geschehen sein, weil sein Kollege nicht mehr mit an Bord war). Genau wie in dem Film ist es wichtig sich gewahr zu sein, dass etwas als ein Zeichen zu interpretieren eine Entscheidung ist, eine Beurteilung einer Situation die geschehen ist. Wenn man allerdings anfängt überall nach Zeichen zu suchen um seinen Weg zu finden, führt das vor allem zu einem über-analysierenden Verstand, der Zeichen in allem sieht und einem die Entscheidungen tatsächlich schwerer macht. Und wenn man soweit hineingeraten ist, sieht man den Punkt nicht mehr, an dem Zeichen zu sehen selbst eine Entscheidung war. Mein Umgang mit dem Zeichen-Konzept ist, dass ich offen dafür bin, Zeichen zu begegnen, aber nicht aktiv danach suche. Meiner Erfahrung nach kann es Zeichen geben, die einem dabei helfen eine schwierige Entscheidung zu treffen, wenn das Konzept aber dahin tendiert eine unproduktive Rolle in deiner Entscheidungsfindung einzunehmen, lass es besser sein.

4. Eine andere Sprache: Karma, Chakras, Höheres Selbst und viele weitere Konzepte
Spirituelle Menschen reisen ins Innere und untersuchen Gegenden, die man nicht mit offenen Augen sehen kann. Aber man kann in diese Gegenden hineinspüren und wenn man seine Erkenntnisse und Techniken mit anderen teilen will, dann benötigt man einige sprachliche Werkzeuge dafür. Ob jeder die Chakren auf die gleiche weise spürt, ob sie für jeden dieselbe Farbe haben oder überhaupt existieren ist wissenschaftlich nicht belegbar und daher wird es wohl nie eine einheitliche wissenschaftliche Theorie nach westlichen Standards über sie geben. Aber ist ein Beweis hier überhaupt notwendig? Muss man wissen wie ein Verbrennungsmotor funktioniert um ein Auto fahren zu können um mit seinen Fahrkünsten zu prahlen? Mein Vorschlag hierzu ist eine spielerische Herangehensweise an diese Konzepte, sie nicht für die absolute und destillierte Wahrheit zu nehmen sondern lieber zu schauen ob sie für einen selbst einen Nutzen haben. Wenn man sich dem Inneren widmet dann können Konzepte wie das innere Kind oder der Innere Mann/die Innere Frau hilfreich sein um Emotionen zu lösen. Man kann mit ihnen arbeiten um Teile der Persönlichkeit anzusprechen und mit diesen arbeiten. Wenn es einem bei dieser Arbeit gelingt Gefühle loszulassen, dann ist es meiner Meinung nach relativ egal ob man einen objektiven Beweis für deren Existenz anführen kann.

5. Finde die beste Methode für dich, nicht den besten Guru
Was den Lebensbereich der Spiritualität wirklich hilfreich macht, ist seine große Palette an Methoden, Meditationstechniken und Werkzeugen die einem dabei helfen an den eigenen Themen zu arbeiten. Wenn man an sich arbeiten will, so ist es meiner Meinung nach das beste eine Methode zu finden, die einem dabei hilft sich selbst besser kennen zu lernen, achtsamer und liebevoller sich selbst gegenüber zu werden. Es kann eine wundervolle Beschäftigung sein in die vielen verschiedenen Erfahrungsbecken der diversen Kulturen über die letzten tausenden Jahre hinweg einzutauchen und herauszufinden was einem davon taugt. Zudem wird man herausfinden, dass wenn man etwas an seinem Leben ändern will, man noch am besten damit beraten ist dies selbst anzugehen und nicht einen Meister dafür zu bezahlen. Finde also deine Methode und beginne deine Übungen, werde gut darin was dir dient und diene dem was dir gut tut.

6. Sei kritisch darüber ob du in der Spiritualität wirklich das finden kannst, was du erreichen willst.
Mein Spiritualitätskonzept ist ziemlich technisch – für mich bedeutet spirituelle Arbeit, die Arbeit an meiner eigenen Persönlichkeit um die Qualitäten Liebe, Achtsamkeit und Lebendigkeit in mein Leben zu tragen. Finde auch du für dich selbst heraus, was du von der Spiritualität willst und fokussiere dich darauf. Sei methodisch und reflektiere deinen Fortschritt. Findest du hier was du suchst oder wäre ein Psychoanalytiker oder Ernährungsberater, ein Sportcoach oder auch einfach ein guter Freund gerade besser für dich?

Soweit mit meiner Liste, die vielleicht später einmal noch erweitert wird. Wenn du dich jetzt bereit fühlst dich in spirituelle Gefilde vorzuwagen, da gibt es noch eine letzte Kleinigkeit im Hinterkopf zu behalten: Spirituelle sind auch normale Menschen, wie du und ich. Und nur weil diese Menschen sich sehr auf Liebe, Empathie und Freude konzentrieren, heißt das nicht, dass sie keine Fehler haben. Was einem zum Beispiel allzu leicht begegnen kann ist Scheinheiligkeit. Dies liegt aber nicht daran, dass sie einen betrügen wollen, sondern dass jeder wohl gerne ein zweiter Jesus wäre, aber es im Alltagsleben einfach oft sehr schwer ist solch hohen Standards zu genügen.

Um es also nochmal kurz zusammenzufassen: Traue deinem Gefühl bei Heilern, sei offen aber methodisch und finde eine Methode mit der du selbst arbeiten kannst – und letzten Endes: viel Vergnügen dabei!


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.