Vermutlich fange ich am besten damit an, dass ich kürzlich selbst an einem Vipassana Seminar in den Peruanischen Anden teilgenommen habe und dass der folgende Text von meinen dort gesammelten Erfahrungen inspiriert ist. Jeder, der sich dazu bereit erklärt fünf ethische Regeln einzuhalten (nicht töten, nicht stehlen, keine sexuelle Ausschweifung, nicht Lügen und keine Drogen), – die neben dem recht strikten Zeitplan während der Dauer des Kurses eingehalten werden müssen kann teilnehmen – d.h. sofern seine Bewerbung angenommen wird. Der Zeitplan für jeden Tag beginnt mit dem Aufstehen um 4 Uhr morgens, dann Meditation, Frühstück, Meditation, Mittagessen, Meditation, Obst, Meditation, Vortrag, Meditation und schließlich Bettruhe. Wenn man alle Meditationszeiten zusammenrechnet kommt man insgesamt auf 11 Stunden und neben Fragen, die man zu einer bestimmten Zeit seinem Lehrer stellen kann, muss man sich für die 10 Tage des Kurses dem edlen Schweigen fügen. Wenn du dich selbst dafür interessierst und einen solchen Kurs mitmachen willst, empfehle ich jetzt mit dem Lesen  aufzuhören und dem Link am Ende des Textes zu folgen – so, ab jetzt wird gespoilert.

Vipassana bedeutet: die Dinge sehen, so wie sie wirklich sind. Aber wie kann man die Dinge sehen, wie sie wirklich sind, wenn man anderthalb Stunden mit geschlossenen Augen dasitzt, könnte man einwenden. Ein Buddhist würde darauf antworten: „weil wir uns selbst betrügen, wenn wir einfach unbedarft in die Welt hineinschauen. Wir mögen zwar eine Realität sehen, oder vielleicht sogar die gleiche Realität wie alle anderen um uns herum, aber wir sehen die Welt durch unser einzigartiges emotionales Setting. Wir sehen die Welt durch unseren Haufen Ängste, Kindheitstraumata, Anständigkeitsregeln, Sprichwörter, Erfahrungen, Urteile und Klugheiten“. Der Buddhist würde sagen, dass wir unsere Wirklichkeit durch ein selbsterschaffenes Netz von gelernten emotionalen Reiz-Reaktionsmustern sehen, das mit jedem neuen Urteil ein klein wenig dichter gesponnen wird. Dieses Netz aus Reiz-Reaktionsmustern wirkt wie ein störender Filter auf unsere Wahrnehmung ein, so dass wir die Wirklichkeit immer nur vermittelt durch unsere eigene emotionale Geschichte und Voreinstellung sehen. Je dichter das Netz der emotionalen Reiz-Reaktionsmechanismen gesponnen wird, desto mehr sehen wir das Netz und desto weniger die Wirklichkeit selbst. Der buddhistische Ansatz, die wirkliche Wirklichkeit zu sehen, geht also davon aus, dass man nach innen schaut und an sich selbst arbeitet und nicht an der Außenwelt. Und um sich besser auf das Innere konzentrieren zu können, bleiben die Augen besser geschlossen. Die innere Arbeit wird an den gespeicherten Gefühlen, Urteilen und Traumas durchgeführt, damit soll das Netz an Reiz-Reaktionsmustern abgebaut werden um damit letztlich einen klaren und unverfälschten Blick auf die Wirklichkeit zu haben.

Aber warum sollte man dieser Methode folgen? Was sind die Gründe für jemanden diesen Pfad zu gehen und die alten Gefühle hinter dem Ofen hervorzuholen? Geht es nur darum die Brille wieder auf Hochglanz zu bringen?

Wenn dir der Buddhismus bereits schon einmal begegnet ist, ist dir vielleicht aufgefallen, dass beim Buddhismus viel über Leid gesprochen wird. Das normale Leben besteht aus den Leiden der Geburt, Krankheit, Alter und Tod. Und da Buddhisten an Wiedergeburt glauben, verschiebt sich die Bedeutung des Lebens auf eine beständige Wiederholung des Leidens unter jeweils anderen Umständen, Geboren werden, Leiden, Sterben, Geboren werden, Leiden, Sterben und so weiter. Und was ist der Urgrund allen Leidens wenn man die Buddhisten fragt? Nicht das Leben selbst, sondern eben unsere erlernten emotionalen Reiz-Reaktionsmechanismen, unsere einstudierten Verhaltensweisen, unser „Kämpfen, Fliehen und Erstarren“-Muster. Diese Mechanismen, die wir in unseren Leben gelernt haben, zwingen uns dazu uns beständig zu wiederholen. Wir geraten in Situationen, sei es in der Familie, auf der Arbeit oder mit Freunden und plötzlich fühlen wir uns wieder wie Kinder. Es kann ein Gefühl der Hilflosigkeit sein, eine Wut auf die Vorgesetzten, ein Verantwortungsgefühl für Dinge, für die wir nicht verantwortlich sind oder wir fühlen eine Bedrohung durch einen Menschen, der lediglich etwas lauter im Hintergrund spricht. Wenn wir in diesen Situationen einfach auf das auftretende Gefühl reagieren, dann wiederholen wir damit nicht nur unsere Kindheitssituation erneut, tatsächlich stärken wir damit das emotionale Reiz-Reaktionsmuster durch das Einsammeln neuer dramatischer Situationen in unseren Erfahrungsschatz. Aber wie kann man diesen Kreislauf durchbrechen?

Die Antwort, die Buddha dazu einfiel ist so gut wie sie einfach ist. Um damit aufzuhören uns selbst immer wieder zu wiederholen, müssen wir zuerst einmal damit aufhören zu reagieren. Aber was ist es eigentlich, das uns dazu bringt zu reagieren? Wir reagieren dann, wenn wir eine SItuation erleben, die für uns schwer zu empfinden ist, eine Situation, die wir schwer aushalten können. Aber wie so eine Situation genau aussieht, das ist natürlich für jeden von uns anders. Es kann eine stressige Situation auf der Arbeit sein, es kann mal einen morgen ohne Kaffee oder Zigaretten auskommen zu müssen sein, es kann ein Gefühl des Verlustes oder der Schuld sein, es kann schwer sein getrennt von der Familie zu leben… am Ende kann es wirklich alles sein, je nach der persönlichen Geschichte. Buddhas Weg raus aus unserer Tendenz uns beständig zu wiederholen und alte Dramen ständig wieder zu erwecken ist es unsere Gefühle lediglich zu beobachten. Wenn ich Panik empfinde, werde ich nicht panisch. Ich bleibe ruhig und bemerke: „Oha, ich fühle gerade Panik“. Ich bewerte dieses Gefühl nicht als ein schlechtes oder ein gutes Gefühl. Die Tendenz ist eher: Neugier, aber keine Bewertung. Und wenn ich nur beobachte und nicht bewerte oder handle, dann werde ich dabei feststellen, dass das Gefühl ganz von alleine geht. Der eigentliche Lerneffekt dabei setzt ein, wenn mir nach der Situation und dem Gefühl auffällt, dass das Gefühl vergangen ist ohne dass ich reagiert habe. Das unerträgliche, vor dem ich solche Angst hatte, ist einfach von selbst verschwunden, ich musste gar nichts dafür tun.

Und hier beginnt dann die wirkliche Arbeit. Wenn man nämlich damit anfängt seine Gefühle zu beobachten ohne direkt auf sie zu reagieren, dann verlieren die Gefühle ihre Kraft dazu einen zum reagieren zu zwingen. Wenn man das Nicht-Reagieren trainiert, trainiert man zugleich Gleichmut und man trainiert seinen Verstand dazu immer gleichmütiger zu werden, egal welches Gefühl in einem auftaucht. Wenn man lediglich beobachtet und gleichmütig ist, dann hört man damit auf die Gefühle als unaushaltbar oder wahnsinnig schön zu bewerten. Es ist eine Art des gleichmütigen Akzeptierens aller Gefühle ohne dass man in die Gefahr gerät sich in diesen zu verlieren und nach ihnen Handeln zu müssen. Es ist ein Zustand von: Ich bin jetzt traurig, das ist ok, es wird vorübergehen. Ich fühle Panik, das ist ok, es wird vorübergehen. Ich fühle Angst, Anziehung, Sehnsucht… das ist schon ok, es wird vorübergehen. Ich fühle mich krank oder verletzt, das ist ok, es wird vorübergehen. Ich muss mich bei bestimmten Gefühlen nicht mehr in eine Tafel Schokolade oder unters Bett flüchten.

Durch die Vipassanapraxis trainiert man seinen Verstand dabei einfach zu beobachten und die Gefühle die hochkommen zu akzeptieren. Auf diese Art und Weise hört man nicht nur auf zu reagieren, man ermutigt seinen Verstand dazu zu den tieferen, älteren und subtileren Gefühlen vorzustoßen und je mehr man von diesen akzeptiert, desto mehr von diesen werden hochkommen. Es ist dabei so, wie wenn man Menschen aufmerksam zuhört. Je mehr man sie und das was sie sagen einfach akzeptiert und je mehr man ihnen erlaubt sich einfach so zu zeigen wie sie sind, desto mehr werden sie von sich zeigen und umso mehr werden sie mit dir teilen. Genauso verhält es sich mit dem Gefühlskörper. Je mehr dieser sich von deinem Verstand angenommen und akzeptiert fühlt, und sich nicht als zu schmerzhaft, zu sehnsüchtig oder zu nervig bewertet fühlt, umso mehr wird er dir seine Wunden zeigen. Je mehr sich dein Gefühlskörper von dir angenommen fühlt, umso mehr alte Wunden wird er auf dem Tisch ausbreiten und letztlich wird er deinen Verstand als seinen Heiler akzeptieren. Spaß machen wird dieser Weg nicht unbedingt, aber er wird viel auflösen und Spaß und Schmerz werden dann am Ende ja ohnehin nur temporäre Beobachtungen sein.

Die Buddhisten, die Vipassana praktizieren, sehen den Körper als den Speicher des Unterbewusstseins an. Wenn man also an seinem Unterbewusstsein arbeiten will, ist es wichtig einfach zu fühlen was Innen und was außen ist. Vipassana ist eine Technik den Verstand zu konzentrieren und dies eben nicht auf etwas Übernatürliches oder einen Glauben. Vipassana kann dich lehren, dich lediglich auf deinen Körper als zentrale Erkenntnisquelle dieser Wirklichkeit zu konzentrieren. Man beginnt damit langsam in jeden einzelnen Bereich des Körpers hineinzufühlen, beginnend mit der Haut und sich dann langsam an die tieferen Schichten voranzuarbeiten. Je mehr man dabei die starken sowie die subtilen Empfindungen respektiert, umso mehr feine Empfindungen werden sich zeigen und umso ausgefeilter werden deine Beobachtungen. Das in etwa ist die Vipassana Methode: beginne damit alle deine Empfindungen einfach nur zu beobachten und anzunehmen ohne diese zu bewerten und so werden nach und nach mehr Traumata hochkommen bis man die Ebene der Erleuchtung erreicht auf der dann keine Traumata mehr im Körper gespeichert sind und sich so auch die letzten emotionalen Reiz-Reaktionsmuster im Körper aufgelöst haben. Auf dieser Ebene ist der Körper befreit und wird so keinen Einfluss mehr auf deine Entscheidungen und Handlungen haben und so wird man lediglich aus Präsenz und Liebe heraus handeln.

Viele Leute werden an dieser Stelle einwenden, dass es ja nicht der Körper ist, der sie davon abhält mit dem Meditieren anzufangen, sondern dass es ja gerade der Verstand ist, der rastlos ist. Aber was ist es denn, das den Verstand rastlos macht? Es ist das beständige Springen vom einen zum anderen: Ich muss dies tun und noch daran denken oder dem Verstand fallen Dinge ein, die einen von dem Ablenken was man gerade tut. Aber wie kommt es denn, dass es Dinge gibt, die dem Verstand wichtiger erscheinen als das, was man gerade jetzt und hier tut? Wie kommt es, dass es Prioritäten im Verstand gibt?
Prioritäten können nur aufgrund von Bewertungen existieren und eine Bewertung ist eine gespeicherte Reaktion zu einer gefühlsmäßig erfahrenen Situation. Die Prioritäten, die der Verstand hat, beruhen darauf dass man bestimmte Situationen in sein Leben holen will und andere Situationen auf jeden Fall vermeiden will. Deine Erinnerungen an diese Erfahrungen formen eine Richtlinie darüber was du erfahren willst und was nicht. Mir hilft es die Prioritäten als kleine gespeicherte emotionale Gewichte vorzustellen, die Befehlen des Verstandes mehr Kraft geben. Befehlen wie: „Sei stärker“, oder „sei kein Weichling“ oder „du musst etwas erreichen“ oder „du musst liebevoll und akzeptierend sein“ oder „du willst diese Erfahrung auf keinen Fall noch einmal machen“. Diese Prioritäten des Verstandes befeuern deine Gedanken. Wenn man also die kleinen emotionalen Gewichte hebt und loslöst, dann verliert das Prioritätensystem an Einfluss und die Rastlosigkeit wird dadurch unschädlich gemacht und damit wissen die Gedanken nicht mehr warum oder womit sie dich nerven sollen.

Wenn du daran interessiert bis mehr über die Vipassanatechnik zu lernen, schlage ich vor mit dem Lesen aufzuhören und sich einfach unter www.dhamma.org für einen Kurs in deiner Nähe anzumelden.

 

 


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