So manch einer wird sagen, dass es komplett absurd ist die Worte Nietzsche und Spiritualität in die selbe Überschrift zu setzen. Ich selbst sehe zwischen diesen beiden Begriffen sehr wohl einen Zusammenhang und den werde ich im Folgenden darlegen. Nietzsche ist einer der eher kritischen Denker zum Ende des 19. Jahrhunderts. Sein „Gott ist tot“ ist weltberühmt, ebenso wie sein Buch der Antichrist und seine Kritik am Jenseits. Aber lässt sich daraus schließen, dass sein Denken nicht auch als produktiv für spirituelles Denken oder spirituelle Menschen gesehen werden kann?

Wenn man sich seine Kritiken etwas genauer anschaut, dann findet man heraus, dass sein „Gott ist tot“ eher eine Zeitdiagnose als ein Kampfschrei ist. Seine Kritik am Christentum bezieht sich hauptsächlich darauf wie die Ethik des Christentums Größe im Menschen verhindert, wie die Priesterkaste sich durch die Anleitung der Schwachen in eine Machtposition bringt und wie der Glaube an ein Jenseits die Unschuld aus unseren Handlungen nimmt, da jegliche Handlung eines Christen zugleich den Schatten des Motivs damit in den Himmel zu kommen um sich trägt. Nietzsche sieht das Christentum allerdings nicht nur kritisch sondern auch produktiv in der Zeitgeschichte. Für Nietzsche spielte das Christentum eine zentrale Rolle beim Aufbau des modernen wissenschaftlichen Sachverstandes. Als Diagnostiker seiner Zeit beobachtete er, dass mit dem Tod Gottes oder genauer mit dem „Tod des Glaubens an Gott“ die Grundlage unserer moralischen Werte ebenso verstarb. Ohne eine gesellschaftlich institutionalisierte Grundlage für unsere moralischen Werte in Gott zu haben, würde die Gesellschaft in ein Zeitalter des Nihilismus geraten. Was Nietzsche nicht als höherwertig, sonder vielmehr als tragischen aber notwendigen evolutionären Schritt in die richtige Richtung verstand. Der Sinn, den er seinem Werk zuordnete war der, für genau die Menschen, die in das Zeitalter des Nihilismus geboren werden und unter diesem leiden, weniger ein Wegweiser als viel mehr ein Katalysator dafür zu sein, diese Zeitperiode wieder hinter sich zu lassen. Und ich schlage vor Nietzsche auch als Katalysator und nicht etwa als idol für das eigene Denken zu betrachten.

Nietzsche ist ein Denker der Freiheit, der Selbstermächtigung, des Perspektivismus und des Diesseits. Und insbesondere der letzte Aspekt ist für ihn sehr bedeutend. Das „im Hier und Jetzt zu sein“ oder wie man im Spiri-Sprech sagt, geerdet oder präsent zu sein hat für ihn einen hohen Stellenwert. Seine Kritik am Leben nach dem Tod und den Menschen die daran glauben ist hauptsächlich darauf gerichtet, dass das Bild vom Leben nach dem Tod dazu missbraucht wurde um die Menschen, die auf der Erde leben, für etwas zu versklaven, das nur in ihrer Einbildungskraft existiert. Wenn wir uns eines seiner Hauptwerke: Also sprach Zarathustra ansehen, dann lesen wir im 18. Kapitel: vom Lesen und Schreiben, wie er schreibt: „Ich würde nur an einen Gott glauben, wenn dieser zu tanzen verstünde“. Und weiter schreibt er dass sein Teufel ernst, tief, gründlich und feierlich war und dass dieser nur durch das Lachen getötet werden könne. Nietzsche macht hierbei einen interessanten Schachzug. Er bedient sich des religiösen Vokabulars aber er kehrt in seiner Art der Betrachtung die Hierarchie um. So wie er den Gottesbegriff verwendet ist es Nietzsche, der sich den Gott aussucht und zwar nach Kriterien die seinem Leben dienen und nicht umgekehrt – dass Gott die Menschen zum Zwecke erschuf ihn anzubeten. Er markiert den Gottesbegriff damit als ein produktives Ideal. Als etwas, dass – auch wenn unerreichbar – auf eine inspirierende Art und Weise im Verstand arbeitet. Zudem soll sein bzw. Zarathustras Gott wissen wie man tanzt. Tanzen ist für Nietzsche eine intuitive, hochsymbolische Körperbewegung die ihren Ursprung aus einem inneren Impuls hat und diesen zur Welt hin ausdrückt. Wenn man das liest, versteht man, dass Nietzsche nicht generell gegen das Konzept von Göttern ist. Wogegen Nietzsche sich richtet sind Gedankenbilder und produktive ideale, welche die Menschen klein machen, ihnen die gesellschaftlichen Normen aufzwingen und die sie schuldig und depressiv fühlen machen.

Nietzsche wollte die Menschen zum Wachsen und zur Größe inspirieren und er wollte selbst ein großer Mensch sein. Daher arbeitete er an Gedankenbildern, die für ihn als Götter fungieren konnten. Gedankenbilder die als führender und inspirierender Pfeil in diesem Leben hier und jetzt für den Menschen arbeiten und die ihn dazu befähigen eine bessere und bessere Version seiner selbst zu werden. Und diese bessere Version des eigenen selbst ist jeweils fähiger, machtvoller und freier.
Meiner Interpretation nach ist Nietzsches Hauptgedankenbild, das als Ersatz für Gott fungieren soll, der Übermensch. Der Übermensch ist eine Richtlinie dazu wie man sich selbst überwindet, wie man jeden Aspekt seiner Persönlichkeit kultiviert, wie man seine eigenen Ziele und Ideale fasst und letztlich ein großes Leben führt. Das Übermenschenbild zielt darauf ab ein besseres Leben in diesem Leben zu errichten und sogar darauf ein besseres Leben für die eignen Kinder zu gestalten. Es zielt auf einen Sinn der Erde hin und nicht auf jenseitige Lorbeeren.

Da Nietzsche darauf bedacht ist die Produktivität von Gedankenbildern danach zu beurteilen wie sehr sie dem eigenen Leben dienen, würde ich gerne einige dieser Konzepte kurz vorstellen und du lieber Leser, kannst dich dann entscheiden ob diese Konzepte dir und deinem Leben dienlich sind und sie dann mitnehmen oder links liegen lassen.

Das erste Gedankenbild, dass ich vorstelle, ist die ewige Wiederkunft des Gleichen. Die Idee hinter diesem Bild ist, dass wenn alles streng kausal miteinander verknotet ist und die Zeitspanne nur lang genug ist, dann wird es, wenn man als Zeitraum die Ewigkeit nimmt, irgendwann zu dem Punkt kommen, dass alles wieder von vorn beginnt. Und wenn die Zeitspanne ewig ist, dann wird sich alles nicht nur einmal sondern unendlich oft wiederholen. Was dieses Gedankenbild nun im Kopf produktiv werden lässt, ist die Frage dahinter: Wenn du dazu verdammt wärst das selbe Leben wieder und wieder und wieder zu erfahren, dann würde jede einzelne Handlung das moralische Gewicht des sich in Unendlichkeit wiederholenden Leidens an einer falschen Entscheidung mit sich bringen. Das Konzept ermutigt einen sich folgende Frage nochmal um einiges ernsthafter zu stellen: Lebe ich mein Leben so, dass ich es aushalten würde, mich auf ewig in der selben Position wieder zu finden? Wie kann ich mein Leben erschaffen, dass ich nicht in Ewigkeit darunter leide?

Das zweite Gedankenbild ist der Übermensch als produktives Ideal, dass mit dem Diesseits und der Erde verbunden ist und nicht mit einem Leben nach dem Tod. Für Nietzsche ist der Übermensch eher ein evolutionäres Ziel. Es ist eine Person, die man in dieser Welt realisieren müsste, die Macht versteht, die Verstand und Herz gebraucht um Weise zu werden und seinen Körper benutzt um zu tanzen, kämpfen und lieben um sich selbst dabei zu überwinden. Einer der wichtigsten Aspekte im Übermenschen ist Freiheit und darin insbesondere die freie und selbstständige Wahl der eigenen Werte. Wenn ich mir also den Übermenschen zum Ziel setze, dann beginne ich damit meinen Verstand, Körper und Charakter zu kultivieren, bis ich ein aus mir selbst rollendes Rad bin. Ein Schöpfer der sich selbstständig ein Ideal setzt, ein Projekt im Bezug zu diesem Ideal plant und umsetzt dadurch über sein bisheriges Dasein hinauswächst, sich überwindet und dann spielerisch einfach wieder von Neuem anfängt.

Das dritte Gedankenbild ist der Wille zur Macht. Dieser ist ein Konzept um die grundsätzlichen Regelmäßigkeiten der Welt zu modellieren. Im Gegensatz zu einer Welt die von Naturgesetzen bestimmt ist, wird das Weltgeschehen hier von einem in jedem Atom, jeder Einheit, jedem Organismus, jedem Gedanken und auch in jedem Gefühl inhärenten Willen zur Macht in einem gegenseitig Machtkampf zu Wege gebracht. Ein wichtiger Punkt den Nietzsche mit Anführung dieses Konzepts macht, ist, dass die Benennung der „mathematischen Beschreibung der unbelebten Welt“ als Gesetzesmäßigkeiten unterliegend, lediglich die psychologische Projektion eines allzu gesetzestreuen Bürgers sei. Nietzsche schlägt also ein alternatives Konzept vor um die Welt zu beschreiben und würde man dieses Konzept so feingliederig ausarbeiten, wie die moderne Physik, so wird klar, dass die Benennung der mathematischen Beschreibung als „von Gesetzen beherrscht“ willkürlich ist. Nach dieser Feststellung wird allerdings erst der Scharfsinn dieser Feststellung klar, denn Nietzsche sieht in der Wahl von Gesetzen, welche die Natur regeln, die subtilen psychologischen Mechanismen der Kleinmachung am Werk. Denn ebenso wie die Natur den Gesetzen gehorchen muss, ebenso müssen wir es – es ist das Gesetz des Universums. Den Schritt den Nietzsche hier macht ist ein subtiler Schritt in Richtung Freiheit. Er schlägt vor, dass man den Implikationen des eigenen Weltbildes gewahr werden soll (im Fall der Naturgesetze – wir unterliegen Gesetzen, die unser handeln nicht regeln sondern bestimmen). Im nächsten Schritt sollen wir wählen welche Implikationen eines Weltbildes uns selbst dienen und daraus aufbauend eine eigene Weltsicht erschaffen, die unserem Leben dient und dem was wir in selbigem erreichen wollen.
Eine weitere Art wie dieses Konzept mir selbst oft beim Verstehen meiner selbst und dem Verhalten anderer gedient hat, war mich zu fragen wie können sich Menschen und auch ich selbst in eine derart schlimme Situation begeben? Warum tun die Menschen etwas, was ihnen scheinbar nicht dient (Abhängigkeit, Obdachlosigkeit, Selbstverneinung)? Die Frage dahinter, was motiviert diesen Menschen dazu ein solches Leben zu führen – wie manifestiert sich der Willen zur Macht in diesem Menschen? Was wäre mein Gewinn dabei eine solche Position einzunehmen? Was ist der Gewinn aus einer scheinbar selbstlosen oder schwer aushaltbaren Position?

Doch Nietzsche ist nicht nur ein spirituell produktiver Denker. Er schlägt unter anderem auch vor, dass man sich eigene Ideale setzen und an ihnen zugrunde gehen soll. Dieses Gedankenbild wäre zum Beispiel eines, das ich nicht wählen würde, da ich nicht glaube, dass es meinem Leben dient. Es ist wichtig zu verstehen, dass Nietzsche nicht will, dass man seinen Ideen blind hinterherläuft. Ihm ist es wichtig dass man selbst beurteilt, welche Ideen dem eigenen Leben dienen und welche nicht. Ebenso ist manches aus diesem Text für mich spirituell produktiv, was es aber nicht notwendig spirituell produktiv für den Leser macht. Entscheide selbst.

Um den Kreis zu schließen. Für mich ist Spiritualität eine Herangehensweise dafür feinfühliger gegenüber dem eigenen Inneren sowie dem eigenen Äußeren zu werden und dann einen eigenen Weg einzuschlagen der mir dabei hilft die psychologischen Muster, die uns zu Wiederholungen verleiten zu durchbrechen und größere Freiheit zu erlangen. Und dies ist eines von Nietzsches zentralen Anliegen.
Ein weiterer Grund warum ich glaube, dass Nietzsche produktiv für spirituelles Denken ist, ist dass er ein sehr kritischer und geerdeter Denker ist. Die Perspektive, die er zum spirituellen Denken hinzufügt ist: Wir sind hier und jetzt in diesem Leben und wir wollen ein gutes Leben mit einem Fortschritt in Richtung persönlicher Freiheit haben und dies erreichen mit den Mitteln, die wir hier auf der Erde zur Verfügung haben, auch ohne Gedankenbilder die auf ein Leben danach verweisen.

Für jeden der Nietzsche selbst lesen will, hier gibts das Original: www.nietzschesource.org


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