Ich habe kürzlich Raymond Moodys Buch „Das Licht von Drüben“ gelesen. Moody befasst sich darin mit der Erforschung von Nahtoderlebnissen und neben Elisabeth Kübler Ross ist er der erste, der diese ernsthaft in den wissenschaftlichen Diskurs einführte. Im Buch erklärt er die Schwierigkeiten diese zu klassifizieren und welche erlebten Elemente für ihn zu einem Nahtoderlebnis dazugehören. Dabei bezieht er sich auf eine amerikanische Studie von George Gallup die folgende Elemente von Nahtoderfahrungen zusammenfasst und nach Hochrechnungen ergab sich, dass in etwa 8 Millionen Amerikaner Erlebnisse mit den unten anstehenden Elementen hatten, bezogen auf die Untersuchungsmenge in folgenden Prozentsätzen:  

1)  26%   Verlassen des Körpers
2)  23%   Genaue visuelle Wahrnehmung
3)  17%   Hörbare Geräusche und Stimmen
4)  32%   Gefühl von Frieden und Schmerzfreiheit
5)  14%   Lichterscheinungen
6)  32%   Lebensrückblick
7)  32%   Eintritt in eine andere Welt
8)  23%   Begegnung mit anderen Wesenheiten
9)    9%   Tunnelerlebnis
10)  6%   Vorauswissen

Wenn ich diesen Statistiken Glauben schenke, wird mir klar, dass das Phänomen der Nahtoderlebnisse weitaus verbreiteter ist, als ich das bisher angenommen hatte – vermutlich wird eben auch einfach nicht so ohne weiteres in aller Öffentlichkeit darüber gesprochen. Das Faszinierende an dieser Form des Erlebnisses ist, dass sie, anders als Halluzinationen oder pathologische Fluchtreaktionen des Geistes im wesentlichen mit einer Veränderung des Charakters der Befragten einhergeht. Die Menschen, die eine Nahtoderfahrung hatten veränderten sich in der Regel dahin, dass sie ihre Lebensausrichtung und berufliche Anstellung dahin änderten, dass diese einen tieferen Sinn oder karitativen Nutzen erfüllte. Sie waren lebensfroher und positiver zum Leben eingestellt. Der Grund hierfür sei, wie Moody beschreibt, dass viele von ihnen die Erkenntnis aus dieser Erfahrung mitbrachten, dass es lediglich zwei Dinge sind, die der Mensch von seinem Erdenleben in den anderen Daseinszustand mitzubringen vermag und das sind zum einen Liebe und zum anderen Wissen. Also richteten die Menschen ihr Leben nach dieser Erfahrung an diesen beiden Werten aus, an dem der Wissensgenerierung und dem der Liebesfähigkeit.

Das Buch ist voll von annekdotischen Erfahrungsberichten und nennt sogar die Geschichte eines Pfarrers, der nach seinem Erlebnis die Arroganz seiner theologischen Spitzfindigkeiten einsah und für sich verstanden hatte, dass es beim Glauben nicht um die unumstößliche Einhaltung eines Dogmas geht, sondern darum die Liebe weiterzutragen. Und nach Moodys Buch habe der große Theologe und Heilige Thomas von Aquin sein Schreiben nach einem Nahtoderlebnis mit dem Satz beendet, dass ihm all sein Aufgeschriebenes nur mehr wie leeres Stroh vorkomme.

Eine Frage, die mich insbesondere während meiner Weltreise brennend interessierte war: Gibt es einen christlichen Himmel, einen muslimischen, einen hinduistischen, einen für Spirituelle, (k)einen für Atheisten oder erlebt jeder sein Ende und eventuelles Nachleben gleich? Gibt es also eine einzige Wahrheit des Nachlebens oder ist diese kulturrelativ. Besonders gut beantwortet wird diese Frage im Buch leider nicht, es wird nur festgestellt, dass die oben genannten Elemente der Nahtoderfahrungen kulturübergreifend stattfinden, dass also Inder ebenso wie Amerikaner Erlebnisse mit oben genannte Elementen haben. Wobei die Lichtwesen kulturspezifisch anders erlebt wurden, wo sie in Indien mit Götternamen belegt wurden, waren es in Nordamerika Gott, ein Lichtwesen oder bei den Kindern eine Frau Namens Elisabeth. Wenn man so möchte ist die Antwort also vielleicht dass es tatsächlich einen Himmel für alle gibt, man jedoch in seiner Wahrnehmung dessen individuelle/kulturspezifische Akzente  setzt.

Die Schwierigkeit des Wissenschaftlers mit solchen Berichten
Was macht man nun als Wissenschaftler, wenn einem jemand eine fantastische Geschichte von einer Reise aus dem Körper, der Begegnung mit Lichtwesen und einem Tunnel erzählt und dabei leuchtet und strahlt und daraufhin sein Leben zum „Guten“ hin wendet?
Wissenschaftlich betrachtet ist nur wahr was sich messen und im Experiment wiederholen lässt. Und bei dieser Art der Erfahrung, ist es wohl recht schwer ein wissenschaftliches Experiment durchzuführen, da man wohl auch eher schwer Versuchsteilnehmer findet, die sich dazu bereiterklären, sich freiwillig in einen Nahtodeszustand versetzen zu lassen.

Besonders problematisch aus wissenschaftlicher Sicht ist es wenn diese Menschen Dinge erzählen, die sie nicht wissen konnten. In den Interviews, die Moody heranzieht kommt häufig vor, dass der für klinisch Tod erklärte sagte, dass er während dieser Zeit seinen Körper verließ und dann Sachen beobachtete und später erzählte, die er nicht hätte wissen oder sehen können, da er ja im Koma lag. Als Wissenschaftler kann man diese Elemente erwähnen, aber man hat nicht das theoretische Werkzeug diese zu erklären, denn wenn man eine Seele, die aus dem Körper heraus hätte gehen können annimmt, dann müsste man erst einmal deren Existenz messen oder beweisen, was ganz andere Herausforderungen mit sich brächte.

Allerdings gibt es auch andere unerklärliche Phänomene wie bei dissoziativen Erlebnissen, wo sich in traumatischen Situationen ein Teil des Empfindens vom Körper löst, man also z.B. bei seiner eigenen Vergewaltigung aus seinem Körper geht und diesen nicht mehr spürt. Hierfür gibt es ebenso keine gute wissenschaftliche Erklärung. Das Problem, das sich dabei stellt, ist dass der Aufwand den es mit sich brächte, das Phänomen in die Wissenschaft zu integrieren – funktionierende Theoriegebäude müssten umgestürzt und neu gedacht werden – schlicht zu groß ist. Also werden Erklärungen gefunden, die das Phänomen wegzuerklären versuchen. Allerdings lässt es sich beim genauen Hinschauen nicht als Halluzination erklären, denn dass sich das Gehirn während einer solchen Erfahrung einen Zustand zusammenfantasiert der neben dem fantastischen Teil detailgetreu die Realität wiedergibt und Begebenheiten erschafft, die im Draußen tatsächlich vor sich gehen und danach exakt wiedergegeben werden können – und das alles bei 0 Hirnaktivität – muss für einen Wissenschaftler ähnlich schwer einzugestehen sein, wie zuzugeben, dass sich die „Seele“, etwas unmess- und unwahrnehmbares für kurze Zeit aus dem Körper gelöst hat.

Was für Konsequenzen kann man denn nun wissenschaftlich aus diesen Erlebnissen ziehen? Nun, lediglich die, dass selbige Erfahrungsformen existieren. Ob es ein Leben nach dem Tod gibt, darf nach wie vor jeder für sich selbst entscheiden und ob eine Seele im Körper wohnt darf nach wie vor jeder selbst entscheiden. Wissenschaftlich wird es da keine Untermauerung geben, solange nicht materiell messbar nachgewiesen ist, dass die Seele existiert. Für mich stellt sich hierbei viel eher die Frage: wo liegen für jeden selbst die Grenzen des Glaubenschenkens? Wie schnell stempelt man die Erzählung eines Menschen für fantasiert ab? Wie schnell lehnt man eine Erzählung ab, nur weil sie nicht ins Weltbild passt und einen zu halsbrecherischen Wegerklärungsmanövern herausfordert? Aber das ist eben eine persönliche und keine wissenschaftlich-empirische Frage.

Für Moody selbst, sowie für mich auch, scheint es einfacher die Erklärung, dass es eine Seele gibt, die dann eben nunmal kurz rausgeht und wieder eintaucht anzunehmen, man muss ja deshalb nicht den ganzen restlichen dogmatischen Kirchenkrams einkaufen.

Die Lichtwesen, die in den Nahtoderlebnissen auftauchten waren gemäß der Nahtodberichte strahlend hell und in ihrer Umgebung fühlten die Menschen viel Liebe und Frieden. Was, wenn diese Lichtwesen einfach die Form der Seele ohne den Körper sind? Und Moody beschreibt in seinem Buch, dass er regelrecht süchtig nach Interviews mit Menschen die Nahtoderlebnisse hatten wurde, weil diese Menschen bei den Gesprächen über ihre Erlebnisse selbst strahlten und eine Ruhe ausströmten. Und wir sprechen ja auch davon, dass Menschen wie beseelt wirken, wenn diese Frieden und Liebe ausstrahlen und ein Leuchten in den Augen haben. Und wir spüren etwas, bei der Anwesenheit solcher besonderer Menschen, was keine Kamera einzufangen vermag.  

 


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.