Je länger ich nun von meiner Weltreise zurück bin, desto mehr Leute treffe ich die mir sagen, dass das nichts für sie wäre oder auch dass sie es ein Jahr lang alleine unterwegs nicht ausgehalten hätten. Daher wollte ich in diesem Text ein paar meiner Eindrücke zum Reisen aber insbesondere zum allein Reisen darstellen. Bevor ich losging war ich erstmal nicht übersprudelnd neugierig, ich sah die Reise eher als kulturelle Bildung an. Es war mir wichtig die Welt nicht nur durch das Internet kennen zulernen sondern sie wirklich zu sehen und zu fühlen wie es ist da draußen in anderen Teilen der Welt, zwischen anderen Kulturen und Landschaften zu sein. Ich wollte die Welt sehen, ohne einen genauen Plan oder eine Bucketlist zu haben. Ich wollte ebenso erfahren wie es ist, alleine für eine längere Zeit ungebunden unterwegs zu sein und was mir daran gefiel und dabei auffiel will ich hier mit euch teilen.

Alleinsein und Einsamkeit
Der erste und ich denke wichtigste Aspekt beim alleine Reisen ist, dass man früher oder später herausfindet, dass man tatsächlich nie wirklich alleine ist. Es sind immer Leute um dich herum und ganz oft finden sich spontan einfach Menschen mit denen man quatschen und rumhängen kann. Aber nicht allein zu sein heißt nicht, dass es nicht gelegentlich doch vorkommt, dass man sich mal einsam fühlt. Auch ich, der es unterwegs oft vorzog allein zu sein, fühlte mich hin und wieder einsam. Das Gute daran ist, dass wenn man sich irgendwo einsam fühlt und keine Leute findet mit denen man gut auskommt und man gerade das Bedürfnis nach Nähe hat, dann kann man auch einfach wieder weiterziehen und sein Glück woanders versuchen. Wenn ich auf meine Erfahrung zurückblicke, dann gab es immer mal wieder Orte, an denen ich einen besonderen oder auch zwei besondere Menschen traf mit denen ich mich gut verstand, ein aufregendes und lustiges Wochenende verbrachte und wir uns dann wieder in schwerem Abschied jeder in seine Richtung voneinander trennten. Immer mal wieder eine solche Erfahrung zu machen hilft einem durch die Zeiten der Einsamkeit, denn man lernt, dass es sich einfach immer wieder ergeben kann und das wiederum hilft einem zu akzeptieren, dass es gerade vorübergehend eben nicht so ist. Manchmal begegnet man auch zufällig oder auch geplant denselben Menschen unterwegs immer wieder. Und man kann auch um der Einsamkeit zu entkommen einfach für eine Zeit zu zweit Reisen. Man spricht einfach mit den anderen Reisenden im Hostel darüber was man vorhat manchmal entschließen sich Leute spontan mitzumachen. Zusammen zu reisen kann eine wunderbare Zeit sein, aber man wird auch feststellen, dass man Kompromisse eingeht, die man zuvor nicht eingegangen wäre. Im Gegensatz zum gemeinsamen Reisen, hat man allein unterwegs mehr Verantwortung, man muss mehr selbst planen und organisieren, aber zugleich hat man eben auch mehr Freiheit, Spontanität und fühlt sich vielleicht aber auch manchmal einsam.


Seinen Rucksack tragen

Natürlich hat man unterwegs seinen Rucksack mit seinen Sachen dabei, die man auf dem Rücken trägt, aber früher oder später wird man bemerken, dass man neben dem normalen Gepäck auch sein emotionales „Päckchen“ immer dabei hat. Jeder trägt sein eigenes Päckchen an traumatischer Vergangenheit, an Familienmustern, Glaubenssätzen, eine Form von Identität und gelernte Problemlösungsmethoden mit sich herum. Es ist leichter sich vorzustellen, dass diese Themen eher auftauchen wenn man sich auf längere Zeit in einer festen Umgebung aufhält, wo man täglichen Umgang mit bekannten Gesichtern hat. Und man sieht dann seine Muster in den Menschen, mit denen man über eine längere Zeit hinweg sein Leben teilt. Aus dieser Perspektive kommend scheint es eher komisch zu sagen, dass diese Muster einem beim Reisen begegnen wo man doch Land, Leute und Zuhause wöchentlich wechselt und hinter sich lässt. Aber wenn man dann mal unterwegs ist und sich einige Themen wiederholen obgleich man ständig den Ort und die Menschen wechselt, dann werden die eigenen Themen noch viel offensichtlicher, denn es wird schwerer das Auftreten der Konflikte auf die anderen zu schieben. So ist es viel leichter zu sehen welche die eigenen Themen sind und welche die der anderen. Man trägt eben seine emotionalen Themen wie einen Rucksack mit sich und damit gibt man sich unterwegs noch weitaus mehr als zuhause die Gelegenheit sich seinen Mustern und Dämonen zu stellen. In einer stabilen Umgebung lernen dich die Leute kennen, wissen was sie von dir erwarten können und was nicht, sie werden dich weniger in Frage stellen oder dich in einem neuen Licht sehen. Außer man hat Freunde und Familie die einen auch zuhause dazu herausfordern über seinen eigenen Schatten zu springen.


Planen vs. Müßiggang

So wie ich gereist bin, war es eine Mischung aus: ich finde unterwegs heraus was ich in einem Land sehen will und ich will mich einfach von dem Land und den Möglichkeiten die es vor Ort gibt überraschen lassen. Das ist etwas, das ich am allein Reisen sehr schätze. Man kann sich einfach wohin mitziehen und überraschen lassen, man kann meist in seinem Hostel organisierte Touren finden oder auch einfach andere Reisende mit denen man besprechen kann was sie so vor haben und sich ihnen anschließen. Meiner Erfahrung nach war es ganz gut einen groben Plan in der Tasche zu haben und einfach für Situationen offen und kompromissbereit zu sein – oder eben auch nicht, wenn einem manche Sehenswürdigkeiten einfach zu wichtig waren. Wie man vielleicht schon zwischen den Zeilen lesen kann, war das Planen nicht mein größtes Hobby unterwegs und daher reduzierte ich die Reiseplanung auf so wenig Zeit wie möglich und hoffte gelegentlich einfach vom Reisen überrascht zu werden, was natürlich nicht immer funktionierte. Für mich lag die Schönheit des Reisens gerade darin sich eben von den Umständen, fremden Kulturen und Geschmäckern fortreißen zu lassen, morgens einfach durch die Natur oder die Stadt zu spazieren und zu schauen was einem unterwegs begegnet, mir eine Sehenswürdigkeit pro Tag herauszusuchen und danach dann einfach ins Schlendern überzugehen, in ein Café oder eine eher nicht touristische Straßenecke zu wandern und mich vom Leben überraschen zu lassen. Und Naja, manchmal passiert eben auch nichts, dann mal wilde, kläffende Hunde, Zigeunerkinder, ein Musiker oder einen Betrunkener Tourguide der einem für ein Bier die Stadt zeigen will. Das ist glaube ich auch das Gefühl in das sich die meisten Menschen, die gerne Reisen, verlieben. Diese Phasen, in denen sich die Zeit dehnt, weil man keinen Plan hat und nirgendwo sein muss, wo man sich einfach vom Leben mit offenen Augen überraschen lassen kann. Und es ist tatsächlich einfacher diese Phasen heraufzubeschwören, wenn man alleine reist. Der Schlüssel hierbei ist nur, eine gute Balance zwischen träumerischem Wandeln und gezieltem Erkunden zu finden um beides zu genießen und ich denke gerade als Deutscher ist es wichtig manchmal mutig genug zu sein, ein paar Sachen nicht gesehen zu haben und dafür die wunden Füße bei einem Bier mit anderen Reisenden auszukurieren.


Zweifel

Je länger man unterwegs ist, desto wahrscheinlicher wird der Zeitpunkt kommen an dem man den Sinn all dieses Reisens in Frage stellt. Man kommt in ein neues Land, lernt die neue Währung, die neuen Hallos, Dankes und Tschüsses, die Landkarten, die Sehenswürdigkeiten, die U-Bahnstrecken, die Attraktionen und so weiter und nach ein paar Wochen geht das Ganze dann wieder von vorn los. Und man bemerkt auch, dass selbst beim Reisen wo man ständig neue Leute und Orte vor sich hat, dass die Unterhaltungen doch oft ähnlich sind und dass selbst die schönsten Bauten und Tempel nach einer Zeit nur eben wieder ein weiterer stilgerecht aufgebauter Haufen Steine ist. Man kommt in eine Routine von Planen, viel Laufen, neue Hostels aufsuchen, Essen, Sehenswürdigkeiten anschauen, Fotos machen, müde ins Hostelbettchen fallen und in die nächste Stadt fahren. Sobald dieser Zeitpunkt auftaucht, ist es Zeit sich damit auseinanderzusetzen. Was mir in diesen Momenten half, war es mir wieder eine neue Aufgabe oder ein Ziel zu setzen, eben die Routine wieder zu durchbrechen und etwas anderes zu tun. Und unterwegs gibt es da ja viele Möglichkeiten: Man kann für ne Zeit im Dschungel wohnen, in einem eingeborenen Dorf, man kann sich ein Zelt organisieren und einen Treck alleine gehen, ein Vipassana Seminar machen, einen Berg hochklettern oder sich mit einem bestimmten Themenfeld auseinandersetzen, man kann für eine Zeit über Workaway Freiwilligenarbeit machen und vieles mehr. Finde ein Projekt, das dich begeistert und fange was Neues an. Unterwegs ist es am einfachsten sein Leben zu ändern.


Vertrauen deinem Bauchgefühl

Immer mal wieder gab es auch Entscheidungen und Situationen, mit denen ich mich nicht wohl fühlte, es gab Orte an denen es mich gruselte oder auch Leute in meiner Umgebung mit denen ich mich nicht wohl fühlte. Wenn sich eine bestimmte Tour oder Reiseroute nicht gut anfühlt, mach einfach was anderes. Wenn du dich mit einer Entscheidung verloren fühlst, frag andere Reisende oder überlege ob es andere Möglichkeiten gibt deine Reise zu gestalten und schau wie sich diese im Vergleich anfühlen.


Gib acht auf deinen Körper und deine Seele

Wenn man alleine reist, dann läuft man sehr große Strecken, und damit ist das Ruhen ebenso ein sehr wichtiger Aspekt des Reisens. Ich musste mich zum Beispiel daran erinnern mir Wochenenden zu nehmen oder mal Tage im einfach im Bett zu verbringen. Mach auch mal Urlaub vom ständigen Reisen, geh auf ne Insel und entspann dich da für zwei Wochen, dann kann es wieder weitergehen, oder miete dir mal ein Einzelzimmer und verbringe die Zeit mit Netflix und Popcorn, die Welt wird auch nach dem Wochenende noch draußen sein und du wirst danach wieder mehr motiviert sein dir die Welt anzuschauen. Dich damit zu stressen, dass du zuwenig Zeit hast und nicht alle Dinge gesehen hast, die du hättest sehen können, wird deine Reiseerfahrung eher schmälern als bereichern.

Reisezeit ist ebenso Lebenszeit und die sollte man genießen :-).


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