Was ist das ein Opfer? Ein Opfer ist ein Mensch dem etwas schlimmes passiert ist. Er durchgeht eine traumatische Situation in dem ihm etwas widerfährt, das er offenbar nicht hatte verhindern können. Die Situation ist zeitlich begrenzt, doch das Ereignis kann für die Person, die Opfer wurde länger eine Rolle spielen, denn oft behalten die Menschen ein Trauma von der Situation zurück, ihre psychische Gesundheit nimmt einen Schaden und sie befürchten, dass ihnen etwas ähnliches oder schlimmeres bald erneut widerfahren wird. Aus diesen Befürchtungen heraus kann sich soetwas wie ein Opferdenken herauskristallisieren, was die Person in ihrem Opferstatus gefangen hält anstatt das Trauma auszukurieren, die Psyche zu heilen und wieder zum Normalzustand überzugehen.

 

Eine Charakterisierung der Opfer-Geisteshaltung
Für mich bringen Sätze oft eine bestimmte Gesinnung oder auch Glaubenshaltung gut auf den Punkt, und auch weil in der Opferhaltung der Gefühls- und Wahrnehmungshaushalt fast untrennbar zu einer Wirklichkeit zusammenwächst, werde ich im folgenden einige Beispielsätze und Charakteristika dieser Geisteshaltung, die über die eigentliche Opfersituation hinausgehen kann, darstellen.

– Die Welt widerfährt mir, ohne dass ich etwas dagegen tun kann (Passivität/Lethargie, Glaube daran nichts an seinen Umständen ändern zu können).

– Ich bin (einer bestimmten Situation oder Person) ausgeliefert (Ohnmacht).

– Ich bin dennoch gefühlt der Mittelpunkt der Welt, denn die anderen haben es auf mich abgesehen oder handeln so und so gerade wegen mir (Die eigene Bedeutung für andere wird überhöht).

– Keiner versteht mich/sieht meinen Schmerz (Sehnsucht nach Verständnis)

– Gefahr ist im Verzug, ich muss nur herausfinden von wo sie kommt. (Zeichensuche, Überinterpretation).

– Hoffentlich kommt bald jemand oder ein Ereignis, das mich von meinem Leid erlöst (Suche nach Erlöser/erlösender Erkenntnis).

Die einen oder anderen Gedanken oder Situationen hatte wohl jeder von uns einmal. Schwierig wird es nur, wenn diese Geisteshaltung nicht mehr abklingt. Wenn man aus einer Opfersituation herauskommt, nicht die Zeit und Ruhe zur Genesung findet und sich letztlich in einem sich stetig wiederholenden Kreislauf dieser Gedanken wiedererkennt, also genau diese Sätze Tag täglich bestätigt findet, dann wird es Zeit etwas dagegen zu tun und den Kreislauf aufzuhalten.

 

Selbsterkenntnis ist der beste Schritt zur Besserung
Aber wie erkennt man das, dass man sich in einer sich wiederholenden Endlosschleife befindet? Was auf den ersten Blick nach einer albernen Frage klingt, ist jedoch für den Opferdenkenden recht schwierig. Sein Emotionshaushalt wird von der einen in die nächste Ungerechtigkeit hineingerissen und diese Ungerechtigkeiten und erneut erlebten schlimmen Erlebnisse erschaffen eine Eigendynamik. Die erneuten schlimmen Erlebnisse geben den oben genannten Sätzen recht und alles was man in seiner Umwelt mitbekommt, wird dann von den Sätzen gleich in Anspruch genommen. Die Sätze wollen auch in dem was erstmal nichts mit der eigenen Person zu tun hat, wichtig sein und Geltung haben. Es ist als suchten die Sätze selbst nach ihrer eigenen Bestätigung und versuchten wie im Widerstreit die Herrschaft über jede neu erlebte Situation zu erlangen. Es ist ein Machtkampf der Sätze über die Wirkung, die jede neu erlebte Situation entfalten kann. Und daraus entsteht eine starke Wahrnehmungsverzerrung, die aber für den Opferdenkenden schlicht die Wirklichkeit ist. Wie kann man sich nun also dessen Gewahr werden?
Wenn es schwer ist zu merken, dass die eigenen Gefühle mit durch diesen Deutungsherrschaftskampf geleitet werden, wenn man also schon nicht mehr wahrnimmt, dass man sich in seinem Gefühlserleben von Ungerechtigkeit über Ungerechtigkeit stets nur an anderen Anlässen wiederholt, dann hilft es auf die Gedanken zu achten, die dabei kommen und zwar genauer auf die Sprache dieser Gedanken. Man muss sich darüber gewahr werden ob man ein Vokabular der Wahrnehmungsverzerrung verwendet.

 

Das Vokabular der Wahrnehmungsverzerrung
Das ist recht einfach benannt: Alle anderen, immer die, jedesmal macht der, Da steckt wieder der dahinter, Ich weiß schon warum, noch nie hat er/sie, niemals habe ich, Ich weiß ganz genau wie der drauf ist… und so weiter. Es ist eine Sprache der Verabsolutierungen. Es ist ein Denken in Gewissheiten. Man kennt die Täter ganz genau, man hat das schon oft erlebt, man weiß wie sie ticken. In diesem Denken, werden Erfahrungen auf bereits gemachte Erfahrungen aufgereiht. Jeder neue Moment will von der bereits vorhandenen Wahrnehmungsverzerrung integriert werden, so dass nichts Neues mehr übrig bleibt. Man erlaubt sich selbst nicht mehr sich von der Wirklichkeit überraschen zu lassen und verliert darüber das Wunder, was Leben bedeutet.

 

Strategien gegen das Opferdenken
– Relativierung der absoluten Sicherheit. Was hätte ich in der Position des anderen gedacht/gemacht? Kann es auch einen harmlosen anderen Grund geben, warum er/sie es gemacht hat? Hatte sein/ihr Handeln gar nichts mit mir zu tun? Fragen Sie sich nach anderen Möglichkeiten der Realitätsauslegung. Was Sie vermuten muss nicht die Wahrheit sein.

– Seien Sie mutig und fragen Sie nach. Fragen Sie den Täter: Warum er das gerade so gemacht hat? Fragen sie nach Motiven. Seien Sie mutig nüchterne Antworten zu bekommen, die wenig mit Ihnen zu tun haben. Sprechen Sie mit der Person über die Situation, aber seien sie dabei vor allem neugierig auf die Wahrnehmung der anderen Person, stellen Sie Ihren Schmerz und ihre Erregung in den Hintergrund oder benennen Sie diese schlicht ohne eine Anklage daraus zu machen.

– Finden Sie Themen, die Sie von dem dramatischen Kreislauf ablenken. Finden Sie Themen und Hobbies, die Ihnen Freude bereiten. Wenden Sie Ihre Aufmerksamkeit auf die schönen Dinge und nicht auf das Drama, tragen Sie eine andere Stimmung in ihren festgefahrenen Gefühlskreislauf.

– Werden Sie sich gewahr dass Sie Ihre Umwelt mitgestalten. Werden Sie sich gewahr, welchen Einfluss Sie selbst darauf haben, dass Ihre Umwelt so auf sie reagiert/sich so anfühlt. Das erfordert ebenso den Mut zur Nachfrage und Übung.

– Werden Sie sich gewahr, dass Sie sich selbst jedes mal erneut dazu entscheiden den Kreislauf weiter am Leben zu erhalten. Treffen Sie bewusst die Entscheidung, dass sie das nicht mehr wollen. Sagen Sie sich: Ich breche aus und ich beobachte nur. Ich lasse nicht mehr die Sätze mein Erleben bestimmen, sondern meine Wahrnehmung.

– mit anderen Sätzen gegensteuern und eigene Glaubenssätze ins Leben rufen: Ich erschaffe meine Wirklichkeit genauso wie die anderen. Ich kann mir selbst helfen. Ich kann mich verteidigen. Ich bin in Sicherheit. Man kann dann im nächsten Schritt daran arbeiten diese Sätze mit den eigenen Handlungen zu bewahrheiten. Die Glaubenssätze sollten allerdings nur als korrektiv helfen, und zur Abwehr von eingeübten Wirklichkeitsinterpretationen. Sie sollen helfen die Wahrnehmung wieder frei werden zu lassen und nicht neue verzerrende Filter installieren.

– Nehmen Sie professionelle Hilfe in Anspruch. Eine Wahrnehmungsverzerrung wie diese ist schwer zu bekämpfen, holen Sie sich Hilfe!

Ich hoffe ich konnte einige Anregungen geben um das Opferdenken anzugehen. Es ist nicht schlimm Opfer von Situationen zu werden. Es ist schlimm nicht zu merken, dass man sich selbst dazu entscheidet das erlebte Trauma stets aufs Neue in sein Leben zu rufen, selbst nachdem die eigentliche Tat schon lange vergangen ist.

 


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.