Nachdem ich nun ja eine Weile pausiert habe, melde ich mich nun im neuen Jahr mit frischem Elan wieder zurück. Diesmal geht es mir um die Kraft der Vergebung und wie Sie dem Menschen dazu dienen kann, seine wahre Größe wieder zu erlangen.

Durch unsere Kindheit, die Schule, die Freunde, unsere Erziehung, ja und sogar auch über intergenerational vererbte Traumata schleppen wir in unseren Körpern unausgelebte Gefühle, verborgene Erinnerungen, Ängste, unüberstandene Verluste und viele weitere schwere Emotionen mit uns herum. Diese Emotionen haben wir damals nicht ausgelebt und wollen sie uns auch jetzt noch nicht anschauen. Doch wie kommt das? Diese unterdrückten Emotionen Leben in unserem Körper und Unterbewusstsein weiter, und sie bleiben dort so gut verhaftet, weil wir sie mit einem bestimmten Glaubenssatzsystem weggesperrt haben.
Solche Glaubenssätze können lauten: „ein Indianer kennt keinen Schmerz“. Oder „eine Frau muss gut aussehen um Anerkennung zu bekommen“ oder „Ich muss mich beweisen um geliebt zu werden“ oder „ich muss der beste sein“ oder „wer nicht wagt der nicht gewinnt“ oder „wenn ich meine Trauer zeige, verursache ich Leid bei anderen“ oder … oder… oder… . Die Glaubenssätze, die wir in unserem System haben, blockieren uns allerdings nicht nur dabei unsere Gefühle offen zu zeigen, sie haben auch einen massiven Einfluss auf unsere Wahrnehmung.

Wenn man zum Beispiel den Glaubenssatz im System hat, ich muss meinem Vater/meiner Mutter beweisen, dass ich ihrer/seiner Liebe wert bin, dann geschieht es früher oder später, dass man aus dem Elternhaus auszieht und den Vater oder die Mutter nicht mehr sieht. Aber unser Unterbewusstsein, gibt deshalb eben nicht einfach diese Sätze auf, es sucht sich dann einfach jemanden im Leben, auf den es diese Sätze projizieren kann. So fühlt man sich sehr schnell der Chefin gegenüber wie man sich der Mutter gegenüber gefühlt hat, dem Partner gegenüber wie man sich dem Vater gegenüber gefühlt hat oder dem Arbeitskollegen gegenüber wie dem Klassenbully gegenüber. Und so wird man meist vom Unterbewusstsein dahin provoziert, diese unterdrückten Gefühle zuzulassen, das Glaubenssystem aufzubrechen und tatsächlich mit der Chefin, das Thema, das man eigentlich mit der Mutter hatte zu bewältigen.

Um nun gar nicht erst in diese Lage zu kommen mit dem Partner den Vaterkampf auszutragen oder dem Arbeitskollegen den Klassenbullykampf, hat man die Möglichkeit den Urkonflikt zu vergeben, damit sich der aktuelle Konflikt auflösen kann oder gar nicht erst zustande kommt. Das sagt sich natürlich einfacher als es letztlich getan ist und eine Vergebung, die man einfach vor sich hin spricht, als kognitives Lippenbekenntnis, hilft keinem etwas. Um wirklich vergeben zu können, muss man sich trauen sich die Ursprungssituation wirklich anzuschauen. Die Verletzungen, die einem beigebracht wurden zu sehen und den Schmerz oder die unterdrückte Wut, den Groll, die Frustration, den Hass, den man damals gefühlt, sich aber nicht erlaubt hat auszuleben. Um so dem Menschen wirklich zu vergeben, mit dem der Konflikt zum ersten Mal auftrat. Wenn man gegenüber dieser Person alle Gefühle, die damals da waren gesehen, benannt und ihr dafür vergeben hat, können sich die Gefühle lösen und damit löst sich das emotionale Gewicht, das den Glaubenssatz so stark macht und er lässt sich leicht ändern. Damit verliert er die Macht über unsere Wahrnehmung und wir können unseren Arbeitskollegen oder unsere Chefin wieder als das wahrnehmen was sie eben sind. Ein Arbeitskollege oder eine Chefin oder ein Partner und kein ehemaliges Familienmitglied.

Mit der so gereinigten Wahrnehmung fällt es einem dann auch leichter „normal“ mit seinem Gegenüber umzugehen. Im Folgenden stelle ich eine Übung zur Verfügung, mit der man auch Menschen, die nicht mehr am Leben sind, vergeben kann.

Übung

Nimm dir am besten mindestens eine halbe Stunde oder besser mehr Zeit. Begib dich an einen ruhigen Ort an dem es gemütlich ist und leg dir mal besser Taschentücher bereit (hinter Groll steckt meist Wut und dahinter steckt meist Trauer).

Optional: bevor du beginnst, kannst du darum bitten, dass dir nur soviel gezeigt wird wie du im Moment vertragen kannst.

Schließe deine Augen. Falls nötig sitze erst eine Weile um die Alltagsgedanken loszuwerden und zur Ruhe zu kommen. Erinnere dich nun an eine Situation die du als Ungerecht empfandest. Mit Arbeitskollegen, deinen Kindern, deinem Partner oder anderen Menschen in deinem Leben. Stell dir die Situation bildlich vor.
Frage dich: Wie fühle ich mich in dieser Situation?
Frage dich: Woher kenne ich dieses Gefühl?
Frage dich: Wann habe ich dieses Gefühl zum ersten mal empfunden?

Idealerweise kommt dann die ursprüngliche Situation hoch, in der Du das Gefühl empfunden hast. Sollte das nicht der Fall sein:
Frage dich: Wem gegenüber habe ich das zum ersten Mal empfunden?
Spätestens nun sollte eine Person (meist aus dem familiären Umfeld) auftauchen. Schaue dir die Situation an. Es war damals, es ist nicht jetzt. Du schaust jetzt als reifer Erwachsener zu. (Falls nicht direkt die Gefühle mit der Situation auftauchen, Frage dein Kindselbst: Was fühlst du gerade alles?
Gehe mit ihm die Gefühle durch. Und wenn Du magst nimm es aus der Situation heraus und in deinen Arm. Versichere ihm, dass du es bedingungslos liebst und dass du für es da bist.

Nun stelle dir vor, du stehst als Erwachsenenselbst vor der Person aus deiner Familie: Sage ihr nun alle diese Gefühle, alles was da ist: Das kann sein: Ich hasse dich, du hast mir Weh getan, das war unentschuldbar, das hat mein Leben zerstört, Mir ging es beschissen, du kotzt mich an… ruhig richtig auf die Kacke hauen und alles sagen was da ist.
Und dann: Aber ich sehe wie ich alle diese Gefühle noch mit mir herumtrage wegen dieser Situation damals. Das will ich nicht mehr. Ich will frei sein und ich weiß, dass ich frei sein kann, wenn ich dir vergebe.

Und ich vergebe dir von Herz zu Herz.

(sollte das nicht funktionieren – wie so oft bei großen Ungerechtigkeiten – Frag nach, wie es dem Menschen in der Situation ging, schau dir die Bedingtheit seiner Situation an, das kann helfen die eigene Sicht auf die Ungerechtigkeit zu lösen) und dann bedanke dich bei ihm für die Lernaufgabe und vergib ihm.


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